20. Dezember 2011
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20. Dezember 2011
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Homo Oeconomicus – oder das Verhältnis von Gefühl und Verstand

Von Prof. Dr. Dick Michael

Kategorie: Hochschule fĂĽr Angewandte Psychologie FHNW, Thema der Woche

Michael Dick, Studiengangleiter MAS Business Psychology

Im Alltag neigen wir zu der Annahme, dass es im wirtschaftlichen Leben rational zugehe, während wir uns in Urlaub und Freizeit eher von unseren Gefühlen leiten lassen dürfen. Eine solche Trennung von Vernunft und Gefühl, von professioneller Arbeit und persönlicher Neigung erweist sich allerdings schnell als trügerisch. Stattdessen wirken Verstand und Gefühl, Vernunft und Ahnung, Überlegung und Intuition in nahezu jeder unserer Handlungen und Entscheidungen zusammen. Und dies ist auch gut so, denn jedes ist des Anderen Korrektiv. Denn stütze ich mein Urteil ausschliesslich auf Rationalität, dann setze ich voraus, dass alle anderen Marktteilnehmer ebenfalls streng rational handeln. Nur dann nämlich wird mein Kalkül aufgehen. In diesem Fall hätten wir einen annähernd deterministischen Markt, der nach festen Regeln verlässlich funktionieren würde. Ein solcher Markt wäre relativ leicht steuerbar. Ebenso naiv wäre es, sich ausschliesslich auf sein Gefühl zu verlassen, und dabei Erkenntnisse aus der Forschung, Bilanzierung und Evaluation zu ignorieren. Wie aber finde ich die richtige Mischung aus Wissenschaft und Bauchgefühl?

Studierende des MAS Business Psychology an der Hochschule für Angewandte Psychologie (FHNW, Olten) haben sich mit diesem Spannungsfeld beschäftigt. Sie ziehen psychologische Theorien und Forschungsergebnisse heran, um die unterschiedlichsten Phänomene im Wirtschaftsleben verständlich zu machen. Wir freuen uns, dass wir erneut in Zusammenarbeit mit Goldwyn Reports die besten Arbeiten der Öffentlichkeit zugänglich machen können.

Andreas Lüthi zeigt, wie Rationalität und Emotion bei Kaufentscheidungen zusammenwirken. Was vordergründig als rationale Abwägung erscheint, könnte in Wirklichkeit die Folge einer geschickten kleinen Täuschung sein, der wir auf den Leim gegangen sind. Das Verzwickte an der Rationalität ist zudem, dass sich nachträglich für jede Entscheidung gute Gründe finden lassen, und sei sie auch noch so intuitiv gefallen. Diese nachträgliche Begründung hält zumindest den Glauben an die Macht der Rationalität aufrecht. Rolf von Ballmoos (zum Artikel) blickt auf einige spektakuläre Fälle von Fehlverhalten am Finanzmarkt zurück. Auch er zeigt, dass aus der Perspektive der Handelnden jede Entscheidung Sinn macht(e), sei sie von aussen und nüchtern betrachtet auch noch so fatal. Dabei unterliegen sie Verhaltenstendenzen, die psychologisch gut beschrieben sind.

Was ist die Folge, wenn man verspätetes Abholen der Kinder aus der Tagesstätte (oder auch Fehlverhalten am Finanzmarkt) mit einer finanziellen Strafe sanktioniert? Stefanie Wägli (zum Artikel) zieht für eine überraschende Erfahrung aus ihrem Alltag ein Experiment israelischer Psychologen heran, das sehr schön zeigt, wie rationale Normen und soziale Normen zusammenspielen – oder sich vielmehr gegenseitig ausschliessen. Werden konflikthafte Verhaltensweisen des sozialen Zusammenlebens dem Kalkül aus Nutzen und Preis übertragen, können die zugrundeliegenden Normen ausser Kraft gesetzt werden.

Im Gegensatz zur industriellen Produktion, in der die Arbeitsschritte ebenso klar beschrieben wie die Preise kalkuliert waren, sind Inhalt und Wert moderner Dienstleistungsarbeit diffuser. Was es für die Beschäftigten bedeutet, dass Gefühle Gegenstand und Mittel ihrer Arbeit werden, arbeitet Luzi Schucan (zum Artikel) heraus. Die optimale Gestaltung von Gefühlsarbeit erweist sich dabei als eine arbeitspsychologische Herausforderung. Denn dass bereits ein relativ einfacher Verkaufsvorgang Gefühlsarbeit ist, haben wir ja bereits am Beitrag von Andreas Lüthi (zum Artikel) erkannt. So schliesst sich der Kreis. Gefühle gehören eben keineswegs nur unter den Weihnachtsbaum, aber dort dürfen und sollen sie sich - dank akribischer Planung im Vorfeld - in reiner Form entfalten. In diesem Sinne wünschen wir ein geruhsames Weihnachtsfest.

HINWEIS: Der oben stehende Inhalt wird vom Autor zur Verfügung gestellt. Dieser Artikel basiert auf der Meinung und Darstellung des Autors und spiegelt nicht grundsätzlich die Meinung des Seitenbetreibers Firma Goldwyn Partners Group AG wieder. Für Zusatzinformationen zum Artikel wenden Sie sich bitte direkt an den Autor.

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Prof. Dr. Dick Michael: Michael Dick hat an der Universitaet Hamburg Psychologie studiert und 1994 mit dem Schwerpunkt Arbeits-, Betriebs- und Umweltpsychologie abgeschlossen. Danach freie Taetigkeit in Forschung und Beratung, Promotion in Hamburg (DE), Habilitation in Magdeburg (DE), derzeit FHNW Olten.
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