20. Dezember 2011
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20. Dezember 2011
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DIE PSYCHOLOGIE DES GELDES: WIEVIEL KOSTET EINMAL ZUSPÄT KOMMEN?

Von Stefanie W├Ągli

Kategorie: Hochschule f├╝r Angewandte Psychologie FHNW

Unser Sohn ging bis vor kurzem in einen Ganztageskindergarten. Vor zwei Jahren f├╝hrte der Kindergarten eine Busse f├╝r nicht rechtzeitiges Abholenein. Ein “Strafgeld”, welches mich bis zu dem Zeitpunkt, als ich das Buch ÔÇ×Denken hilft zwar, n├╝tzt aber nichtsÔÇť von Dan Ariely las, sehr irritierte.

DAS EXPERIMENT

In Israel haben zwei ├ľkonomen ein Experiment durchgef├╝hrt. Der eine ├ľkonom hatte seine Tochter in der Kinderkrippe. Die Krippenleitung f├╝hrte ein Strafgeld f├╝r zu sp├Ątes Abholen ein. Der ├ľkonom und Wissenschaftler Uri Gneezy hatte den Eindruck, dass diese Massnahme aber ganz und gar nicht den erw├╝nschten Effekt zeigte. Er wollte es genau wissen und suchte zehn Kinderkrippen. Vor dem Experiment kamen in jeder Krippe jede Woche etwa zehn Eltern zu sp├Ąt. Die Psychologie weiss dar├╝ber: Wenn ein bestimmtes Verhalten mit Sanktionen belegt wird, wird dieses Verhalten zur├╝ckgehen. Doch in diesem Fall war es gerade umgekehrt. In den Krippen mit der Busse kamen jetzt fast zwanzig Eltern zu sp├Ąt ÔÇô doppelt so viele wie zuvor. Und es kam noch schlimmer: Als die Bussenregelung wieder aufgehoben wurde, passierte gar nichts. Es blieb bei fast zwanzig Eltern, die zu sp├Ąt kamen. Obwohl die Situation von aussen betrachtet wieder dieselbe war wie vor der Einf├╝hrung der Busse, hatte sich in der Wahrnehmung der Eltern offenbar etwas Grunds├Ątzliches ver├Ąndert. Die Erkl├Ąrung hierf├╝r liegt darin, dass wir in zwei Welten zugleich leben. ┬źIn der einen herrschen soziale Normen vor, in der anderen bestimmen die Normen des Marktes┬╗, schreibt der Verhaltens├Âkonom Dan Ariely in seinem Buch. Solange es keine Busse gab, galten soziale Normen. Es herrschten unausgesprochene Abmachungen zwischen den Betreuerinnen und den Eltern. Die f├╝hlten sich verpflichtet, die Kinder rechtzeitig abzuholen, und bekamen Schuldgef├╝hle, wenn sie es nicht schafften. ┬źMit der Einf├╝hrung der Busse hatte die Krippe aber, ohne es zu wollen, die sozialen Normen durch Marktnormen ersetzt┬╗, schreibt Ariely. Es gab keinen Grund mehr, sich schuldig zu f├╝hlen, schliesslich bezahlte man ja f├╝r die Versp├Ątung. Sobald also Marktnormen ins Spiel kommen, verschwinden die sozialen Normen. Und nicht nur das, wenn die Marktnorm die soziale Norm verdr├Ąngt hat, ist es schwierig, wieder zur sozialen Norm zur├╝ckzukehren, wie das Verhalten der Eltern belegt. Was einmal zum k├Ąuflichen Gut geworden ist, bleibt es, selbst wenn es pl├Âtzlich nichts mehr kostet.

SOZIALE NORMEN VERSUS MARKTNORMEN

In einer Welt, in der die sozialen Normen gepflegt werden, ist die Gemeinschaft wichtig ÔÇô wenn wir anderen helfen, erwarten wir daf├╝r keine sofortige Belohnung, sondern freuen uns dar├╝ber, dass wir helfen k├Ânnen bzw. uns geholfen wird. In einer Welt, in der die Marktnormen bevorzugt werden, erh├Ąlt jeder nur das, wof├╝r er bezahlt, bzw. bezahlt f├╝r das, was er haben will. Werden diese beiden Welten vermischt, sind Konflikte vorprogrammiert. In einem solchen Fall kann es also geschehen, dass die soziale┬á Norm beim Aufeinandertreffen mit der Marktnorm vollst├Ąndig untergeht und dort auch bleibt. Unausgesprochene Abmachungen und Schuldgef├╝hle gibt es nicht mehr. Ich arbeite nur noch f├╝r Geld!

GESCHENK ODER GELD?

Erhalten wir f├╝r einen Gefallen ein Geschenk anstelle eines Geldbetrages, so bleiben die sozialen Normen erhalten, das heisst wir wechseln nicht mit unserem Bewertungsschema auf die Marktnormen. Kennen wir hingegen den Preis des Geschenks, dann k├Ânnen wir vergleichen z.B. mit anderen Beschenkten. Dies f├╝hrt zu einem Wechsel auf die Marktnormen, denn wir entscheiden durch den Vergleich selbst, ob wir das Geschenk als gerecht empfinden oder nicht.

FAZIT: LERNEN F├ťR DIE ZUKUNFT

Weihnachten steht vor der T├╝r, das Fest der Liebe. Wenden wir das Gelernte an, dann geben wir im Sinne einer konfliktfreien Weihnacht den sozialen Normen mehr Gewicht als den Marktnormen. Wir nehmen uns also Zeit f├╝r die Familie und Freunde und verschenken am besten kein Geld, denn Geld ist vergleichbar! Weihnachten in einer sozialen Norm zu erleben bedeutet, zusammen Zeit zu verbringen, ein gutes Essen zu geniessen und ein feines Glas Wein zu trinken. Sich Zeit zu nehmen mit den Kindern zu spielen und gute Gespr├Ąche zu f├╝hren. Nicht vorstellbar, dass wir f├╝r das Getane bezahlt werden - oder haben Sie Ihrer Schwiegermutter f├╝r das Weihnachtsessen schon einmal Geld ├╝berreicht? Unsere sozialen Normen m├╝ssen unbedingt beibehalten und gef├Ârdert werden. Nicht nur weil diese meist g├╝nstiger sind, sondern weil sie in erster Linie auch viel wirkungsvoller sind. Sollen Marktnormen gelten, so empfiehlt sich, dies klar zu deklarieren und einen gerechten Preis zu bezahlen.

LITERATUR

Ariely, D. (2008). Denken hilft zwar, n├╝tzt aber nichts. Knauer Taschenbuch Verlag. M├╝nchen

Gneezy, U. & Rustichini, A. (2000). Journal of Legal Studies, Vol. 29, No 1.

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1 Kommentar »

  1. Spannend w├Ąre zu wissen, was denn diese 5 - 15 Minuten Versp├Ątungen wirklich kosten im Unternehmen. Gibt es dazu allenfalls Studien oder Ideen?

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