20. Dezember 2011
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20. Dezember 2011
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Crowdsourcing: Innovations- und Wissensmanagement im Netz

Von Basler Roger

Kategorie: AusgewÀhlte Themen, Innovation, Knowledge Management, Web 2.0

Was ist Crowdsourcing

Wer gibt das bessere Urteil ab: Ein Experte oder die Masse? Schon Aristoteles wusste: “Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile”. In ĂŒberraschend vielen FĂ€llen ist es die Masse, die richtig liegt. Und ĂŒber das Internet wird die Weisheit der Vielen (auch: Schwarmintelligenz oder Crowd Knowledge genannt) bereits auf verschiedene Weisen angezapft. Das Tierreich macht es vor: Zugvögel, Fische, Bienen und Ameisen sind fĂŒr sich genommen keine besonders intelligenten Wesen. In der Masse aber bilden sie beeindruckende Gesellschaftsordnungen und treffen scheinbar kluge Entscheidungen. Schwarmintelligenz heisst das und auch der Mensch habe sie, so die Theorie der Weisheit der Vielen. Denn egal, ob man eine neues GetrĂ€nk lancieren oder ein neues Firmenlogo gestalten möchte: KreativitĂ€t und Innovation sind in der modernen Arbeitswelt das A und O und das Wissen wĂ€chst, wenn es geteilt wird, schon fast ein alter Hut. Der erste, fast klassische Ansatz von Crowdsourcing wird bereits seit Jahren bei Wikipedia eingesetzt: viele Autoren, Spezialisten und Fans leisten (kostenlosen) Einsatz in Form von Informationen, ErgĂ€nzungen und dem Zusammenbringen von Wissen. Nun hat aber das Web 2.0 dank Social Media also Partizipations-Möglichkeiten einen weiteren Entwicklungsschritt gemacht, in Richtung “Mitmachweb” oder anders ausgedrĂŒckt: Crowdsourcing. Crowdsourcing ist ein neu-deutscher Begriff, der sich aus ‘Crowd’ und ‘Outsourcing’ zusammensetzt.

Der Prozess hat seinen Ursprung im Innovations-Bereich und beschreibt die Auslagerung von Arbeits- und Kreativprozessen (Outsourcing) an die Masse der Internetnutzer (Crowd). Das Wort als solches wurde in 2006 erstmals von Jeff Howe in einem Wired Artikel erwÀhnt. Nach Jeff Howe gibt es (derzeit) 4 Kategorien von Crowdsourcing:

1. Crowd Intelligence (Kollektive Intelligenz auch Schwarmintelligenz genannt): Hier werden die Kunden, Benutzer oder Fans aufgefordert ihr Wissen zu teilen und weiterzugeben. Oft geht es dabei darum bestehende Produkte zu verbessern oder Fragen zu klÀren.

2. Crowd Creation: Hierbei geht es darum Ideen von einer Masse von Menschen (crowd) zu sammeln. Die “Crowd Creation” kommt dann zustande, wenn eine Unternehmung ihre Kunden oder Fans auffordert ein Produkt zu kreieren oder zusammen mit dem Unternehmen ein Produkt zu entwickeln (co-creation) wie spĂ€ter am Beispiel Migipedia erlĂ€utert wird.

3. Crowd Voting: Von Crowd Voting spricht man dann, wenn eine Unternehmung Beurteilung von Benutzern fĂŒr Entscheidungen einbezieht um sich so eine bessere Entscheidungsgrundlage verschaffen zu können.

4. Crowdfunding: unter Crowdfunding versteht man, die Möglichkeit Mikro-Kredite ĂŒber Plattformen vergeben zu können zum Beispiel bei Start-Up’s. Crowdfunding wird aber auch im Bereich des Fundraising eingesetzt also fĂŒr Non-Profit-Organisationen.

Durch so genannte Crowdsourcing MarkplĂ€tze haben Unternehmen und Private plötzlich Zugang zu einem internationalen Experten Pool wie am Beispiel Wikipedia einfach zu illustrieren ist. Daneben gibt es aber auch Plattformen mit VergĂŒtungen, was fĂŒr Studenten, Hausfrauen aber auch Teilzeit(Fach-)KrĂ€fte interessant ist, ob hier oder im Ausland: atizo.com, odesk.com, clickworker.com, jovoto.com, starmind.com und guru.com gehören dazu. Die GrĂŒnde fĂŒr einen Unternehmer, sich die KreativitĂ€t der Masse zu Nutze zu machen, können neben den oben genannten ebenso vielfĂ€ltig sein: Mangel an Personal, Mangel an Zeit oder finanzieller Spielraum (Start-Up z.B.) kann durch Crowdsourcing kompensiert werden. Aber es muss nicht immer ein “Outsourcing” sein. Besonders im Bereich des Ideenmanagements kann man die kollektive Intelligenz auch gut intern einsetzen also “Insourcen”. In den VerbesserungsvorschlĂ€gen der Mitarbeiter steckt ein unglaubliches Potenzial.

Lebensmittelindustrie und Softwareentwicklung als Vorreiter

Wer sich auf den hiesigen Plattformen umsieht, kann schnell zwei Hauptindustrien identifizieren: Die Lebensmittel- und Softwareentwicklungsindustrie. Letztere hat wohl, basierend auf dem Open-Source-Gedanken ein leichteres Spiel, motivierte und intelligente Mitarbeiter zu finden, um eine Software weiterzuentwickeln oder Innovationen voranzutreiben. Ob bezahlt oder nicht spielt gerade hier keine grosse Rolle, da viele Code-Schreiber der Sache und nicht dem Kommerz dienen wollen. Anders bei der Lebensmittelindustrie. Die Branche ist mit eher langen Entwicklungs- und kurzen Umsetzungzyklen prĂ€destiniert um Entwicklungen, sprich Innovationen zu beschleunigen. Um ein paar Beispiele zu nennen: Emmi generierte ĂŒber eine Online-Plattform neue Dessertideen, Cailler Schokoladen-Mischungen, Bell Pouletfleischprodukte und Bischofszell einen “Gute-Laune-Tee” und einen “GlĂŒckstee”. Die Tochter der Migros steht damit ihrer Mutter in nichts nach, so hat die Migros dank der eigenen Crowdsourcing Plattform “Migipedia” bereits diverse Produktinnovationen und Feedbacks von Kunden erhalten und damit ihren Absatz markant steigern könnnen: sei es mit dem Ice-Tea in PET Flaschen statt Tetrapak oder ĂŒber 1′000 Ideen fĂŒr neue KonfitĂŒrensorten, welche durch ĂŒber 4′000 Kunden bewertet und demokratisch gekĂŒrt wurden. Wer also das nĂ€chste Mal beim grossen “M” vorbei geht, kann die Siegerin “Erdbeermund” und die zweitplatzierte «HerbstsĂŒnde» in den Regalen entdecken. Beide Produkte kennzeichnet die Migros mit dem neuen Sticker “Von Kunden entwickelt”. Migipedia.ch wurde 2011 als beste Schweizer Webseite (Best of Swiss Web) ausgezeichnet.

So funktioniert Crowdsourcing

NatĂŒrlich variieren die einzelnen Arbeitsschritte je Plattform, aber grundsĂ€tzlich kann eine Kurzanleitung in 6 Schritten gegeben werden.

Schritt 1: Plattform auswĂ€hlen: soll es eher eine Innovation sein im Sinne einer Produktentwicklung (Atizo.com) oder eine komplexe Fragestellung (starmind.com), wird eine gĂŒnstige Arbeitskraft gesucht fĂŒr einen Projekt- oder Arbeitsschritt (clickworker.com) oder ist man auf der Suche nach Kapital (c-crowd.com) - die Plattformen und Möglichkeiten sind vielseitig, eine gute Vorinformation lohnt sich also.

Schritt 2: Fragestellung und Belohnung ausarbeiten. Dies kann in einem Workshop mit einem der genannten Plattformen oder in-House geschehen. Wichtig: unbedingt sagen was man nicht erwartet, neben den eigentlichen Erwartungen. Das erspart LeerlĂ€ufe. Je genauer das Ziel definiert ist, umso einfacher lĂ€sst sich dann auch die entsprechende VergĂŒtung argumentieren.

Schritt 3: Ideen finden lassen. In einem Online-Projekt liefert eine Community rund 200 bis 1000 Ideen, je nach dem können es aber auch nur 2 - 10 sein.

Schritt 4: Ideen auswÀhlen. Auf der Basis von mehreren Ideen werden die (3 bis) 10 besten ausgearbeitet und in eine engere Auswahl genommen.

Schritt 5: Ideen bewerten lassen. Die Community kann die ausgewÀhlten Ideen bewerten und sie auch mit qualitativem Feedback anreichern und verbessern. Hier kann auch das eigene Unternehmen eingebunden werden, um noch mehr und qualitativ hochstehendes, zielorientiertes Feedback zu erhalten.

Schritt 6: Abschluss und Planung der Umsetzung. Dieser Schritt ist wiederum rein intern: die Kontributoren (Teilnehmer) werden entschÀdigt, das Projekt und die Suche abgeschlossen und die Umsetzung wird in Angriff genommen. Wen das Ganze an eine Art gross angelegtes Brainstorming erinnert hat nicht Unrecht.

Vor- und Nachteile im Bereich Crowdsourcing:

Wie jede Methodik hat auch das Crowdsourcing nicht nur Vorteile, sie ĂŒberwiegen die Nachteile aber bei weitem. Die Vorteile sind:

  • Dank dem Internet verbindet Crowdsourcing die Unternehmen mit Kunden, Fans und Nutzern
  • Neue Ideen ausserhalb des gewohnten Denkrasters eröffnen ungeahnte Potentiale oder gar Kundengruppen (New-to-Market)
  • Crowdsourcing erlaubt fĂŒr die Crowd entwickelte Produkte, die den Anforderungen des Marktes besser entsprechen (Fit-to-Market)
  • Outsourcing an die Crowd, kann Fixkosten senken (Cost-to-market)
  • Feedback wird laufend eingebunden, das Produkt kommt dank kĂŒrzerer Entwicklung schneller auf den Markt (Time-to-Market)

· Ausserdem: Erfindern, Innovationsgebern und Problemlösern werden mit Crowdsourcing neue Möglichkeiten eröffnet, neue Kontakt geschaffen und Profilierungsmöglichkeiten gegeben

Daneben ist Crowdsourcing auch nicht vor Risiken gefeilt:

  • Nicht alle QualitĂ€tsstandards können beachtet werden
  • Die erwĂŒnschte Wirksamkeit bleibt aus (Fail-to-Market)

· Die Flut an Ideen ist zu gross und das Unternehmen kann damit nicht umgehen bzw. umsetzen

Fazit: eine valable Alternative

Der ehemalige CEO von SUN Mircosystems, Bill Joy meinte einst “Not all the smart people in the world work for us.”. So kann Crowdsourcing auch mit dem bekannten “War for Talents” oder dem Headhunting verglichen werden, ohne aber, dass man diese Leute gleich zu Dutzenden ins Unternehmen holen mĂŒsste. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten haben Unternehmer dank Crowdsourcing die Möglichkeit auf bessere Lösungen und vor allem marktkonforme Produkte, da die Ideen aus eben diesem entstammen. Die Nutzer oder Beitragsleister auf der anderen Seite, haben die Möglichkeit Wissen zu teilen und zwar dann, wenn sie Zeit haben, sie können potentielle zukĂŒnftige Arbeitgeber kennenlernen oder das eigene Potential neu ausschöpfen. Durch die Aufforderung an eine unbekannte Masse lĂ€sst es zwar offen, ob es sich bei den Menschen um echte Fachexperten oder ob es sich um leidenschaftliche Fans handelt. Wobei beides jeweils aufgrund des Resultates, sofern denn erfolgreich, relativiert wird. So ist der beste Beitrag immer unter dem Aspekt der Leidenschaftlichkeit und Freiwilligkeit zu erwarten, da sich erst dann zeigt, wer sich wirklich mit dem Produkt oder dem Unternehmen auseinandersetzt und identifiziert. Als eine valable Alternative zu den bekannten und oft teuren Innovationsberatern aus den UnternehmerhĂ€usern kann diese Form des Ideenmanagements aber durchaus ernst genommen werden.

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Basler Roger: Roger Basler ist Inhaber der astraeus KMU Beratung und hat als Betriebswirt mit internationaler Fachrichtung im In- und Ausland zahlreiche Projekte geleitet und betreut. Im Vordergrund standen dabei das Management der Kommunikation sowie der Aufbau von kundenorientierten Organisationsstrukturen. Zu seinen Erfahrungen im In- und Ausland (Holland, Spanien, USA, Deutschland, China) gehören Projektbegleitungen in den Bereichen Operational Management, Financial Management, Restrukturierung, Unternehmenskommunikation, Marketing, sowie Social Media. Roger Basler gibt ausserdem Kurse an Schulen.
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