12. März 2010
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12. März 2010
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Emotional kompetent - einfach lieb und nett?

Von Schneider Bob

Kategorie: Human Resources, iek Institut fĂĽr emotionale Kompetenz

Soziale oder emotionale Kompetenz – diese Begriffe hört man heute in jeder HR-Abteilung und liest sie in fast jedem Stelleninserat. Obwohl immer häufiger benutzt, bleiben die dahinter stehenden Ansätze und Konzepte in der Regel jedoch  unklar und diffus. Dies führt nicht selten zu fundamentalen Missverständnissen. Auf eines davon wollen wir hier näher eingehen.

Es gibt eine ganze Menge von vernünftigen und reifen Berufsmenschen mit grosser Führungserfahrung, die sich leicht genervt abwenden oder abrupt das Thema wechseln, sobald man auf das Thema der „emotionalen Kompetenz“ (= EQ) zu sprechen kommt. Ein möglicher Grund für diese doch erstaunliche Verhaltensweise liegt darin, dass diese Menschen äusserst einseitig rational ausgerichtet sind und daher aus Prinzip einen grossen Bogen um alle emotionalen Themen machen. Ein anderer Grund aber, und der soll hier näher erläutert werden, liegt in einem weit verbreiteten Missverständnis: EQ wird nämlich in aller Regel viel zu einseitig auf Empathie und Sensitivität reduziert. Doch damit wird nur der eine Pol eines ganzen Verhaltensspektrums erfasst.

Häufig führt diese Verengung des Begriffs dann zur falschen Schlussfolgerung, dass demnach jemand nicht emotional kompetent handelt, wenn er sich nicht von seiner empathischen Seite her zeigt. Solche Aussagen sind  jedoch nicht nur falsch, sondern in hohem Masse irreführend. Sie verleiten uns dazu, einen bedeutenden und sehr wertvollen Teil unserer persönlichen Ressourcen zu verleugnen und unter den Teppich zu kehren. Denn wer möchte schon als zu wenig emotional kompetent taxiert werden?

Auf der andern Seite sind – vor allem unternehmerisch denkende – Führungskräfte  häufig mit Situationen konfrontiert, in denen ihnen eine derart verkürzte Sichtweise von EQ nicht wirklich weiter hilft. Denn wie sollen sie sich mit einem wichtigen Anliegen durchsetzen, wie sollen sie ehrgeizige Projekte zu Ende führen, wie sollen sie hochgesteckte Ziele erreichen oder ganze Unternehmen gründen, wenn sie einfach nur „verständnisvoll, lieb und nett“ sein dürfen? Zweifellos ist Empathie eine sehr wichtige und wertvolle Eigenschaft, die uns in vielen Situationen von grossem Nutzen sein kann. Doch sie reicht bei weitem nicht aus. Wer schon einmal eine verantwortungsvolle Führungsaufgabe gehabt hat oder ein grösseres Projekt trotz Widerständen erfolgreich und bis zum Schluss durchgezogen hat, weiss das sehr wohl. Er weiss auch, dass es ohne eine gesunde Portion an Durchsetzungsstärke, an „innerem Biss“ und Aggression nicht geht. Und hier sind wir nun beim zweiten Pol dieses Verhaltensspektrums angelangt. Durchsetzungsstärke weist nämlich nicht zwangsläufig auf ein Defizit an emotionaler Kompetenz hin.

Wird EQ jedoch allzu einseitig mit Empathie gleichgesetzt, dann fĂĽhrt dies gerade bei besonders initiativen und umsetzungsstarken Menschen zu einer erheblichen kognitiven Dissonanz, die sich grundsätzlich nur in zwei Richtungen auflösen lässt: Sie mĂĽssen dann entweder ihr eigenes aggressive Potenzial und ihre eigene Durchsetzungsstärke verleugnen oder dann das Konzept rund um EQ ablehnen. Und damit wären wir wieder bei der Ausgangsfrage angelangt, warum manche leistungsstarken Chefs die Nase rĂĽmpfen, wenn sie den Begriff „emotionale Kompetenz“ nur schon hören. Zuweilen macht es gar den Anschein, als wĂĽrden Vorgesetzte bei solchen Gesprächsthemen geradezu von einem schlechten Gewissen gepackt. Das folgende Zitat entstammt einer Plenumsdiskussion aus einem FĂĽhrungsworkshop und widerspiegelt genau diesen Punkt: „Ja ja, ich versuche meistens schon, mich emotional kompetent zu verhalten. Also dann gehe ich auf die Anliegen meiner Mitarbeitenden möglichst ein und versuche einfach ein guter Chef zu sein.“ – Und nach einigem Nachdenken: „Ja, ausser wenn es dann mal wirklich drauf ankommt und ich dann mal etwas richtig durchziehen muss. Dann geht das natĂĽrlich nicht so …“ (Gelächter).
Hier wird deutlich, in welchem Masse der EQ-Ansatz zu einem einengenden Korsett werden kann, wenn dieses fundamentale Missverständnis nicht aufgelöst wird.

Aber was ist denn nun mit emotionaler Kompetenz effektiv gemeint, wofür steht EQ wirklich? Natürlich gehört die Fähigkeit, einem andern Menschen Wertschätzung entgegen zu bringen und ihm dies auch zu zeigen oder auch die Sensitivität, sich  in einen andern Menschen hineinversetzen zu können, zu den zentralen Verhaltensmerkmalen von EQ. Doch dies ist bei weitem nicht alles. Ebenso gehört nämlich der Mut dazu, sich auf die eigene Aggression einzulassen, seine innere Kraft wirklich zuzulassen und sie nicht mit „sozialem Gerede“ zu verwässern. Denn ohne diese Kraft werden wir nie etwas Wesentliches bewirken können. Emotional kompetent handelt somit derjenige, der den Balanceakt zwischen Durchsetzungsstärke und Empathie bewusst vollführt und sich je nach aktuellem Kontext auf die situationsspezifischen Erfordernisse einstellt.

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Schneider Bob: lic. phil. I, geboren 1960, studierte Sozialwissenschaften an der Universität Freiburg und arbeitete anschliessend während mehr als 10 Jahren im Sozial- und Gesundheitsbereich. Nach einiger Zeit „Basisarbeit“ – vorwiegend in drogentherapeutischen Einrichtungen – übernahm er eine Führungsfunktion beim Sozialamt der Stadt St. Gallen. Am BSO-anerkannten Institut für Angewandte Sozialwissenschaften in Maienfeld und Zürich bildete er sich parallel dazu zum Supervisor und Organisationsentwickler aus und war anschliessend beteiligt am Aufbau einer Praxisgemeinschaft für Erwachsenenbildung. Bevor er definitiv den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit wagte, war er noch während rund 2 Jahren als Geschäftsführer einer NGO tätig.
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1 Kommentar »

  1. Stimmt. Ich denke, dass Empathie als generelle Fähigkeit oft zu “alles verstehen können” und “immer gut sein” umgemĂĽnzt wird. Dabei kann EinfĂĽhlunsgvermögen ja durchaus missbraucht werden, z.B. wenn man jemandem eine Fall stellt oder mobbt. Siehe dazu auch http://de.wikipedia.org/wiki/Empathie#Missbrauch_der_Empathie_f.C3.BCr_manipulative_Zwecke

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