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Portrait René Proyer Autor:
Dr. René Proyer,
Oberassistent an der Fachrichtung Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik der Universität Zürich. Studienabschluss an der Universität Wien und Promotion an der Universität Zürich. Lizenz für berufsbezogene Eignungsbeurteilungen nach DIN33430. Gemeinsam mit Prof. Ruch Leiter des Zürcher Stärken Programms (Z.S.P.).
Portrait Willibald Ruch Autor:
Prof. Dr. Willibald Ruch,

Professor für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik an der Universität Zürich. Studium in Graz und in den USA. Promotion in Graz, Habilitation in Düsseldorf. Forschungsaufenthalte in San Francisco (Paul Ekman) und Newark, Delaware (Marvin Zuckerman). Mitarbeit in der Positiven Psychologie seit 2001 (pod leader humor des Positive Psychology Network, think tank Mitglied, Referent an mehreren Positive Psychology Summits in Washington).
www.psychologie.uzh.ch
Eine Frage des Charakters? Bild Karriereentwicklung

Von Dr. R. Proyer und Prof. W. Ruch, Universität Zürich, Psychologisches Institut

Zum Beitrag von Charakterstärken zur Karriereentwicklung

Charakterstärken und Grundideen der Positiven Psychologie

In der Positiven Psychologie versteht man unter einer Charakterstärke eine erwünschte und erstrebenswerte Eigenschaft, die moralisch positiv bewertet wird. Es handelt sich um Persönlichkeitseigenschaften, wie Kreativität, Freundlichkeit, Führungsvermögen oder Loyalität. Denkt man an den beruflichen Alltag, so sind viele dieser Stärken von zentraler Bedeutung. Bislang wurden diese bei berufsbezogenen Eignungsbeurteilungen oder Personalentwicklungsmassnahmen allerdings noch kaum berücksichtigt. Hinsichtlich der Eignungsbeurteilungen scheint vor allem von Interesse zu sein, wie sehr das Stärkenprofil einer/eines Bewerberin/Bewerbers in die Unternehmenskultur passt. Bezogen auf die angesprochenen Entwicklungsmassnahmen sind zwei Fragen von Bedeutung: Zum einen jene danach, wo es Unterschiede im individuellen Profil einer Person zum Unternehmensprofil gibt (damit sind u.a. Fragen der Messung von Charakterstärken und „Stärken eines Unternehmens“ verbunden) und zum anderen, ob sich Stärken trainieren und damit verändern lassen.

Grundlagen zur Beantwortung der Fragen liefert die Positive Psychologie. In der Psychologie stand lange Zeit die Beschäftigung mit Defiziten von Menschen und Strukturen bzw. Organisationen im Vordergrund. Fix what’s wrong war das Prinzip nach dem vorrangig gearbeitet wurde. Die Positive Psychologie versucht die Psychologie dahingehend zu komplettieren, dass der Fokus psychologischer Arbeit stärker auf die Ausbildung und Förderung von Ressourcen von Menschen und Institutionen gerichtet wird. Build what’s strong ist demgemäss das neue Prinzip.

Dazu musste das Rad allerdings nicht neu erfunden werden: Die Positive Psychologie ist eine junge Wissenschaft, die jedoch bereits eine lange Tradition hat. Begründet wurde sie 1998 u.a. durch Martin Seligman, den damaligen Präsidenten der international bedeutenden American Psychological Association. Kurz zusammengefasst sind die Stärken und Ressourcen von Menschen oder von Institutionen sowie deren sinnvolle Förderung und Umsetzung im Alltag das Hauptthema der Positiven Psychologie.

Die beiden amerikanischen Psychologen Christopher Peterson und Martin Seligman haben im Jahr 2004 einen Katalog universeller Charakterstärken und Tugenden zusammengestellt. In den Katalog wurden solche Stärken und Tugenden aufgenommen, die über verschiedene Kulturen und Nationen hinweg erwünschte und erstrebenswerte Eigenschaften beschreiben. Die Autoren unterscheiden sechs universelle Tugenden und vierundzwanzig dazugehörige Charakterstärken.

Es sind dies:
  • Weisheit und Wissen (dazugehörige Charakterstärken sind beispielsweise Kreativität, Originalität und Einfallsreichtum)

  • Mut (z. B. Tapferkeit, Ausdauer und Enthusiasmus)
    - Liebe/Humanität (Fähigkeit zu lieben, Bindungsfähigkeit und Freundlichkeit, Grosszügigkeit)

  • Liebe/Humanität (Fähigkeit zu lieben, Bindungsfähigkeit und Freundlichkeit, Grosszügigkeit)

  • Gerechtigkeit (z. B. Zugehörigkeit, Teamfähigkeit und Loyalität)

  • Mässigung (z. B. Vergebungsbereitschaft, Verzeihung und Gnade)

  • Spiritualität und Transzendenz (z. B. Sinn für das Schöne, Ehrfurcht und Dankbarkeit)
Zur Erfassung dieser Stärken steht ein valides und messgenaues Instrument zur Verfügung, mit dem bereits mehr als 20.000 Personen im deutschen Sprachraum getestet wurden
(Ruch, Huber, Beermann & Proyer, 2007).

Positive Psychologie im Berufsleben

Ein wichtiges Thema der Positiven Psychologie ist die Erforschung so genannter positiver Institutionen. Sie beschreiben Rahmenbedingungen von Institutionen, die Wachstum erlauben. Zu nennen sind hier Wohngegenden, Schulen, Medien, Familien oder auch Betriebe. Nach Martin Seligman (2002) besteht ein erfülltes Leben im Erleben positiver Emotionen (sowohl auf die Vergangenheit, als auch auf die Zukunft bezogen). Teile davon sind der Genuss positiver Emotionen bei Vergnügungen (Hedonismus), reichliche Belohnungen bei Selbstrealisation der Ausübung eigener Stärken (bis hin zu Flow-Erlebnissen bei der Ausübung bestimmter Tätigkeit) und schliesslich der Gebrauch dieser Stärken im Dienst einer höheren Sache, um Bedeutung zu erlangen (Suche nach sinnerfüllten Tätigkeiten).

Peterson und Park (2006) weisen darauf hin, dass Studien zeigen, dass die Stärken, die zur Tugend Liebe/Humanität gehören (also Freundlichkeit, soziale Intelligenz, Beziehungsfähigkeit) einen positiven Beitrag zur Arbeitszufriedenheit leisten. Weiters argumentieren sie, dass höhere Ausprägungen in zest (Enthusiasmus/Vitalität) damit einhergehen, dass Menschen ihren Beruf als Berufung sehen (und nicht primär als Mittel zum Zweck = Geld verdienen). Das bedeutet, dass je höher die Stärke ausgeprägt ist, desto höher ist auch die Arbeitszufriedenheit. Dies lässt sich dann auch an objektiven Faktoren, wie etwa weniger krankheitsbedingte Fehlzeiten festmachen. Auch in eigenen Studien konnten wir zeigen, dass es mehrere Stärken gibt, die zur Arbeitszufriedenheit beitragen. Darunter sind unter anderem Führungsvermögen, Neugier, Urteilsvermögen, Ausdauer, Enthusiasmus oder soziale Intelligenz.

Von zentraler Bedeutung ist, dass man davon ausgeht, dass sich eine gute Passung der eigenen Stärken mit den Stärken der Institution für die man arbeitet positiv auf Aspekte, wie Arbeitszufriedenheit, Produktivität oder Engagement auswirken. Daher zeichnet sich eine positive Institution dadurch aus, dass sie Praktiken und Normen fördert, die das Ausüben (von für das jeweilige Unternehmen) relevanter Stärken anerkennt, unterstützt und ermuntert. Das bedeutet auch, dass man schon bei der Einstellung von Personen oder im Rahmen von Personalentwicklungsmassnahmen auf das Stärkenprofil von Mitarbeitern eingehen sollte. Personen, die sich etwa durch besondere Weitsicht (anderen Personen mit gutem Rat zur Seite stehen) auszeichnen könnten, beispielsweise in der Rolle als Ombudsmann/-frau gut eingesetzt werden oder bei Sitzungen aufgefordert werden, die Rolle des Advocatus Diaboli einzunehmen, um Entscheidungen, Abläufe oder Strukturen kritisch zu hinterfragen und auf ihre Zukunftstauglichkeit hin zu hinterfragen.

Alles in allem finden sich in Literatur und Praxis Hinweise darauf, dass man durch das Training von Charakterstärken die Arbeitszufriedenheit unter Vorgesetzten und Mitarbeitern steigern kann. Das Einbeziehen und Kultivieren eigener Stärken und der Stärken des Unternehmens im Arbeitsalltag stellt einen Schritt in der Unternehmensentwicklung in Richtung einer „positiven Institution“ im Sinne der Positiven Psychologie dar.

Wie kann man Charakterstärken trainieren?

Grundlagen der Entwicklung von Trainingsprogrammen zur Kultivierung von Charakterstärken sind einerseits Studien aus den USA und Japan, in denen eine Reihe von Übungen bereits empirisch geprüft wurde und andererseits an der Fachrichtung Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik der Universität Zürich entwickelt Übungen. Einige Beispiele, die zeigen sollen, wie Übungen zur Kultivierung von Charakterstärken aussehen können: Eine einfache Übung, um etwa Führungsvermögen zu trainieren wäre, bewusst eine Person zu loben, die für einen eine Aufgabe erledigt hat und für sich selbst am Abend des selben Tages eine Notiz darüber zu verfassen. Auch bei den nächsten Fällen, wo man einen/e Mitarbeiter/in lobt sollten ähnlich Notizen verfasst werden. Daraus ergibt sich letztlich eine Sammlung positiver Erinnerungen an Gelegenheiten, bei denen man Mitarbeiter bestärkt hat. Eine andere Stärke, die Tapferkeit, könnte man beispielsweise dadurch trainieren, dass man sich für einen Menschen einsetzt—auch wenn man selbst eine andere Meinung vertritt als diese Person. Urteilsvermögen ist ebenfalls eine wichtige Stärke. Der wichtigste Aspekt dabei ist, dass Menschen mit Urteilsvermögen dazu in der Lage sind, Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und zu hinterfragen. Sie sind dazu in der Lage, verschiedene Perspektiven einzunehmen und vermeiden es, vorschnelle Schlussfolgerungen zu ziehen. Diese Stärke kann beispielsweise dadurch trainiert werden, dass Personen dazu angeregt werden, in Gruppendiskussionen verschiedene Standpunkte einzunehmen, den Advocatus Diaboli zu spielen und die Gegenposition der eigenen Meinung einzunehmen. In der anschliessenden Nachbetrachtung können Emotionen und Ideen beim Wechsel der Positionen besprochen werden. Selbstverständlich sind die genannten Strategien als Beispiele zu sehen, die noch weiter vertieft und genauer instruiert werden müssen. Sie sollen primär dazu dienen, die Idee von positiven Interventionen zu vermitteln, wo unter Anleitung Stärken als Gewohnheiten aufgebaut werden sollen.

An der Fachrichtung Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik des Psychologischen Instituts der Universität Zürich wird demnächst ein Programm beginnen, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Charakterstärken zu trainieren (Zürcher Stärken Programm, Z.S.P.; http://www.psychologie.uzh.ch/perspsy/zsp/). Angestrebt wird dabei, allen TeilnehmerInnen Kompetenzen zu vermitteln, um eigene Stärken besser kennen zu lernen und diese anhand einfacher Übungen zu trainieren. Die Übungen wurden mit Bedacht so ausgewählt, dass sie wenig Zeit benötigen und gut in den Alltag integriert werden können. Das Programm wird wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Es handelt sich um das erste Programm dieser Grössenordnung im deutschen Sprachraum.

Im Rahmen des Zürcher Stärken Programms (Z.S.P.) werden Übungen dieser Art mit theoretischem Hintergrundwissen aus der Psychologie verknüpft (theoretische Wissensvermittlung). Gelerntes wird in Gruppenübungen umgesetzt (praktische Übungen) und soll zu Hause dann—nach einer festgelegten Anleitung—weiter geübt werden (Transfer in den Alltag). Zur Kontrolle des eigenen Trainingserfolgs führen alle TeilnehmerInnen ein Übungsjournal anhand dessen Sie eine jede Übung für sich selbst beurteilen können und die den Organisatoren des Programms der Evaluation dient. Derzeit hat es noch freie Plätze im Programm; Anmeldungen sind unter
zsp@psychologie.uzh.ch möglich.

Ausblick und Abschluss

Die Positive Psychologie, als noch junge Disziplin in der Psychologie, bietet eine Reihe interessanter Ansatzmöglichkeiten, um individuelle Stärken und Talente in berufsbezogenen Kontexten und im privaten Leben zu entdecken und gezielt zu fördern sowie Beziehungen zu Arbeits- oder Lebenszufriedenheit zu untersuchen (z. B. Peterson, Ruch, Beermann, Park & Seligman, 2007) und praktisch umzusetzen, wie etwa im Z.S.P. Letztlich scheint auch eine stärkenorientierte Vorgehensweise sowohl bei berufsbezogenen Eignungsbeurteilung als auch in der Personalentwicklung sowohl für BewerberInnen als auch für die Unternehmen selbst von Interesse. Die Passung des Stärkenprofils eines/einer Bewerbers/Bewerberin mit den Stärken des Unternehmens ist dabei von besonderer Bedeutung. Je höher die Passung (zwischen Person und Unternehmen), desto bessere Prognosen sind für wichtige arbeitsbezogene Faktoren, wie etwa die Arbeitszufriedenheit zu erwarten. Andererseits lassen sich durch eine genaue Analyse des individuellen und/oder des unternehmensspezifischen Stärkenprofils auch genaue Aussagen über bestmögliche Interventionen zur Kultivierung
relevanter Stärken treffen.

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Literatur


Peterson, C., & Park, N. (2006). Character strengths in organizations. Journal of Organizational Behavior, 27, 1149-1154.

Peterson, C., Ruch, W., Beermann, U., Park, N., & Seligman, M.E.P. (2007). Strengths of character, orientations to happiness, and life satisfaction. Journal of Positive Psychology, 2, 149-156.

Peterson, C., & Seligman, M. E. P. (2004). Character strengths and virtues. New York, NY: Oxford University Press.

Ruch, W., Huber, A., Beermann, U., & Proyer, R. T. (2007). Character strengths as predictors of the “good life” in Austria, Germany and Switzerland. In Romanian Academy, “George Barit“ Institute of History, Department of Social Research (Ed.), Studies and researches in social sciences (Vol. 16, pp. 123-131). Cluj-Napoca, Romania:
Argonaut Press.

Seligman, M. E. P. (2002). Authentic happiness. New York,
NY: Free Press.



>>"Konflikte und Emotionen im Berufsalltag" von Bob Schneider, IEK (Juli 07)


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